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3 FRAGEN AN NORA SOPHIE GRIEFAHN

  
Nora Sophie Griefahn
Copyright: Jörg Farys

Was, wenn wir Abfall nicht als Problem, sondern als Lösung betrachten? Für Nora Sophie Griefahn von der Cradle to Cradle NGO, ist das keine Utopie, sondern die Grundlage ihrer Arbeit. Als gefragte Expertin für Kreislaufwirtschaft denkt sie weit über das klassische Recycling hinaus und fordert Produkte, die von Anfang an für einen biologischen oder technischen Kreislauf konzipiert sind. So treibt sie von Berlin aus eine Bewegung an, die unsere Wirtschaft und unseren Konsum grundlegend verändern will. Wir haben nachgefragt, was das für unsere Stadt bedeutet.

Name: Nora Sophie Griefahn
Wohnort: Berlin
Alter: 34
Beruf: Co-Gründerin und geschäftsführende Vorständin von Cradle to Cradle NGO
Mein liebster Upcycling-Hack: Die Idee des Unternehmens Traceless Materials, das aus Abfall der Lebensmittelindustrie eine vollständig biologisch abbaubare Alternative zu vielen Kunststoffen entwickelt hat.
Mein größter, unverzichtbarer Luxus: Mir die Zeit zu nehmen, mich nicht mit den einfachen Antworten zufriedenzugeben.
Mein Lieblingsort in Berlin: Der Community Hub in unserem C2C LAB. Weil hier sichtbar wird, was heute schon praktisch möglich ist.
Inspiration finde ich: Mich inspiriert die Ausdauer von Menschen, die sich nicht vom ersten „Das geht nicht“ aufhalten lassen.

Cradle to Cradle bedeutet „von der Wiege zur Wiege“, also sinngemäß: „vom Ursprung zum Ursprung“. Als Ansatz klingt das radikal, weil wir damit Abfall nicht nur reduzieren, sondern ihn gar nicht erst als solchen denken. Erklären Sie, was dahintersteckt und wie sich das vom klassischen Recycling unterscheidet?

Cradle to Cradle (abgekürzt C2C) fragt nicht, wie wir Abfall besser managen oder die negativen Auswirkungen unseres Handelns etwas reduzieren können, sondern wie wir die Dinge komplett anders machen können, sodass wir uns vom Konzept Müll verabschieden können. Das ist der entscheidende Paradigmenwechsel. Und der ist auch gar nicht radikal, sondern ziemlich logisch, wenn wir schauen, wie uns die Natur Kreislaufdenken vormacht. Klassisches Recycling verwertet Materialien am Ende ihres Lebens, meist mit Qualitätsverlust, weshalb wir hier eigentlich von Downcycling sprechen sollten. C2C hingegen fordert, dass Produkte von Anfang an so gestaltet werden, dass ihre Materialien dauerhaft in biologischen oder technischen Kreisläufen zirkulieren, ohne an Qualität und damit an Wert zu verlieren. Ein Fahrzeug, dessen einzelne Bestandteile nach Gebrauch zu neuem Rohmaterial für die Industrie werden, oder ein Waschmittel, dessen Inhaltsstoffe den Boden nähren statt zu belasten – das ist der Unterschied. Es geht nicht um weniger schlecht, sondern um ökonomisch, ökologisch und sozial richtig gute Lösungen.

Wo sehen Sie in Berlin das größte Potenzial für C2C-Prinzipien?

Berlin hat eine einzigartige Verbindung aus produzierender und Kreativwirtschaft, einer starken Start-up-Landschaft und einem engagierten zivilgesellschaftlichen Sektor. Hier entstehen unglaublich viele zukunftsfähige Ideen, wie ja auch unser C2C LAB zeigt. Die Stadt wächst, und jedes sanierte und neue Gebäude kann als Materiallager der Zukunft geplant werden, wenn wir heute die richtigen Entscheidungen treffen. Ein weiterer Hebel für mehr C2C in Berlin können Anreize für Unternehmen sein, die nach C2C produzieren und handeln. Auch die öffentliche Beschaffung ist ein enormer Hebel: Wenn Berlin in der öffentlichen Vergabe konsequent C2C-Qualität einfordert, entsteht Nachfrage, die Innovation und den Standort antreibt. Berlin könnte hier Vorreiter sein, und das würde der Stadt gut stehen.

Wenn Sie eine Sache in Berlin über Nacht nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip verändern könnten, was wäre das, und welche positive Wirkung hätte das auf das Leben von Berliner:innen?

Ich würde das gesamte öffentliche Bauwesen in der Bestandssanierung und im Neubau auf C2C umstellen – von Schulen über Kitas bis zu Verwaltungsgebäuden und Sportplätzen. Die Wirkung wäre unmittelbar spürbar: gute Luft in Innenräumen, weil keine schädlichen Substanzen aus Materialien ausgasen, Gebäude, die mehr saubere Energie erzeugen, als sie verbrauchen, und durch begrünte Dächer und Fassaden Biodiversität aufbauen und die Luft reinigen, gesündere Lernumgebungen für Kinder und langfristig sinkende Kosten, weil Materialien am Ende wieder vollständig als Rohstoffe dienen. Berliner:innen würden dadurch täglich in Gebäuden arbeiten, lernen und leben, die ihnen nicht schaden, sondern nützen.

Cradle to Cradle NGO